Eine (Gewichts-)Klasse für sich: Unterwegs mit der neuen Moto Guzzi California 1400 Touring SE

Eher etwas für schwere Jungs: Mit 346 Kilo Lebendgewicht zählt die California schon zu den Dickschiffen unter den Zweirädern. Foto: Moto Guzzi
Eher etwas für schwere Jungs: Mit 346 Kilo Lebendgewicht zählt die California schon zu den Dickschiffen unter den Zweirädern.
Foto: Moto Guzzi
4. Juni 2018 - 18:24

„Mei, is die schee, is des a Haalie?“, fragt der kleine Bub, Typ Volksschüler. „Nein, das ist eine Moto Guzzi, die kommt aus Italien und nicht aus Amerika, wie die Harleys“, klärt ihn der Unzensuriert-Testfahrer auf. Wobei – vom Volumen her kann die California mit ihren knapp 350 Kilo und 1.400 Kubik mit den schweren Mädels aus Milwaukee durchaus mithalten. Nur dass der mächtige V2 halt quer und nicht längs eingebaut ist.

Alte Guzzi-Enthusiasten erblassen vor Ehrfurcht: War doch die legendäre schwarz-weiße California 850 T3 aus den 1970er-Jahren, mit der auch viele Polizei-Einheiten ausgerüstet waren, mit einem vergleichsweise bescheidenen 850-Kubik-Zweizylinder-Motor bestückt.

Von Werner Grotte

Den ersten Begriff von „Heavy Metal“ bekommt man schon beim Anheben vom Seitenständer. Da braucht man Kraft in den Schenkeln. In freudiger Erwartung eines fulminanten Anlassgeräusches drücken wir den Starter, doch – nix. Der Gigant bleibt stumm. Erst eine Rückfrage bei Generalimporteur Faber lüftet das Geheimnis: Die große Guzzi hat eine Diebstahl-Sicherung, die man durch das Drücken eines kleinen Knopfes am Schlüsselanhänger des Zündschlüssels entsichern muss. Ein Aha-Erlebnis.

Vibrationen wie ein echtes Stahl-Ross

Dann endlich das ersehnte „Wrummm“. Schlingernd und vibrierend springt sie an und tuckert tief vor sich hin. Man denkt angesichts des typischen Guzzi-Schlingerns (ähnlich wie bei den BMW-Boxern) zwangsläufig an ein wildes Stahl-Ross. Erste hinein, und ab geht die Post. Man merkt gleich, dass man auf keinem fernöstlichen „Reiskocher“ sitzt, auch die Vibrationen erinnern an Harley Davidson, ebenso wie die Schalt-Wippe unten links. Dabei gehen die Gänge ohnehin so leicht hinein wie bei einem Moped.

"Heißes Eisen" mit Original-Kniewärmer

Eines fällt in der Hitze des Mai bald auf: Die „Cali“ ist ein heißes Eisen im wahrsten Sinne des Wortes. Die Abstrahlung der beiden mächtigen V-Zylinder direkt vor den Knien lassen einen bald etwas zurückrutschen, was bei dem riesigen Sattel aber kein Problem ist. An kühlen Abenden ist man wiederum sehr froh über den Kniewärmer beim Heimreiten, der auch bei Regen schützt.

Der Motor dreht gleichmäßig hoch auf etwa 7.000 Touren, die sechs Gänge sind gut aufeinander abgestimmt. Der riesige Windschild erfüllt seine Aufgabe vorbildlich, man könnte sich auf der Autobahn glatt eine anrauchen bei 140 Sachen – der Sachbeweis bleibt aber letztlich aus, weil der Unzensuriert-Tester mit dem Pofeln schon vor 16 Jahren aufgehört hat.

Wie leg' ich sie am besten um?

Spannend sind die Kurven, denn die Cali ist lang und schwer. Man muss sich einfach trauen. Mit dem hohen, breiten Lenker packt man den Stier quasi bei den Hörnern und biegt ihn um die Kurven. Im Gegensatz zur Harley, wo recht bald die Funken sprühen, gelingt es bei der Guzzi nicht so leicht, in den Kurven mit den großen, gummigefederten Trittbrettern zu schleifen.

Weil da Durst bringt mi um...

Etwas nervös macht einen die Verbrauchsanzeige, die sich beim Testfahrzeug bei barocken 10,5 Liter auf 100 Kilometern einpendelt. Aber bei der California ist halt alles ein wenig größer. Für Beifahrer ist ausreichend Platz, die Lehne ermöglicht bei Bedarf sogar ein entspanntes Nickerchen auf der Heimreise von einer langen Tour. Großzügig ausgelegt auch die serienmäßigen Koffer. Beim Wochenend-Einkaufstest passten vier Sechserträger Bier, jede Menge Lebensmittel und sogar zwei Sonnenblumen im Topf hinein.

Rettendes Hupverbot

Das einzig mickrige an der Guzzi ist die Hupe – man geniert sich fast, das hochtönige Fiepen erklingen zu lassen. Wer die sonoren Hörner einer Goldwing kennt, bekommt hier Lust zum Nachrüsten. Doch allzu viel Hupen muss man mit der Cali ohnehin nicht – der schiere Anblick des mächtigen Schlachtrosses lässt die meisten Verkehrsteilnehmer respektvoll ausweichen. Und in Wien herrscht sowieso Hupverbot...

Technische Daten:

Motor: 1380ccm Vierzylinder V2

Leistung: 96 PS

Antrieb: 6-Gang Kardan

Sitzhöhe: 740 mm

Tankinhalt: 20 Liter (davon 5 Reserve)

Gewicht: 346 Kilo

Preis: 22.999 €

Die Testmaschine wurde von Generalimporteur J. Faber, Carlbergergasse 66A, 1230 Wien, zur Verfügung gestellt.

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