Islamismus auf dem indischen Subkontinent – Ahl-i-Hadith, Deobandi und Jama’at at-i islami

Die islamische Hochschule von Dar ul-Ulum Deoband ist die zweitgrößte islamische Hochschule der Welt und von großem Einfluss. Foto: Bakrbinaziz/Wikimedia (PD)
Die islamische Hochschule von Dar ul-Ulum Deoband ist die zweitgrößte islamische Hochschule der Welt und von großem Einfluss.
Foto: Bakrbinaziz/Wikimedia (PD)
8. Dezember 2017 - 13:00

Während der europäische Blick auf den Islam meist auf dem Nahen Osten und dem Maghreb liegt, wird oft übersehen, dass die meisten Muslime in Süd- und Südostasien leben. Die größte muslimische Gemeinde existiert auf dem indischen Subkontinent, insgesamt sind es in den drei Nachfolgestaaten Britisch Indiens über 550 Millionen Menschen. Seit dem 18. Jahrhundert sind in Indien islamistische Gruppen entstanden, deren Einfluss in die gesamte islamische Welt ausstrahlt. 

Im dieswöchigen Beitrag aus der unzensuriert-Serie zur Geschichte des Islamismus werfen wir eine Blick auf die Islamisten Indiens und Pakistans

Indien im 19. Jahrhundert

Die Situation der Muslime in Indien unterschied sich in einem grundlegenden Punkt von jener im arabischen Raum, die Muslime bildeten eine Minderheit inmitten der Hindus, die ihnen zahlenmäßig ungefähr eins zu drei überlegen waren. Bereits Anfang des 18. Jahrhunderts war das islamische Mogulreich in Nordindien zerbrochen, ab dem Siebenjährigen Krieg begannen die Briten ihre Herrschaft über ganz Indien auszudehnen. 1857 wurde der vor allem von Muslimen getragene Sepoyaufstand gegen die britische Kolonialmacht niedergeschlagen und die bereits nur mehr nominelle Mogulherrschaft endgültig beendet. Für die indischen Muslime stellten sich damit die Fragen, wie sie mit der Hindumehrheit einerseits und mit der britischen Herrschaft andererseits umgehen sollten.

Ahl–i–Hadith, die Wahhabiten Indiens

Die Ahl–i–Hadith Bewegung entstand in der Mitte des 19. Jahrhundert als puritanisch islamistische Bewegung, die sich an keine der vier großen sunnitischen Rechtsschulen anlehnte. Wie auch die Wahhabiten lehnen sie den mystischen Islam der Sufis strikt ab, womit sie im Gegensatz zu Mehrheit der Muslime auf dem Subkontinent stehen, die den Barlewi zuzuordnen sind. Auch wenn die Barlewis selbst einem orthodoxen Islam folgen, entspringen ihre Traditionen wie die Verehrung von Heiligen dem mystischen Volksislam. Die Barlwis verbindet eine innige Feindschaft mit der Ahl–i-Hadith und auch mit den ähnlichen Deobandis. Ahl–i–Hadith wirft den Barlewi „shirk“, die Abkehr vom Monotheismus vor.

Bereits seit ihrer Gründungszeit steht die Ahl–i–Hadith in Kontakt und Austausch mit den saudischen Wahhabiten, mit welchen sie viele Glaubensgrundsätze teilen. Neben der Ablehnung des Volksislam treten die Ahl–i–Hadith für eine Rückkehr zu den Wurzeln des Islam ein. Insbesondere hinduistische Traditionen, die in Indien Eingang in den Islam gefunden haben, sollen entfernt werden.

Die Deobandibewegung

Wesentlich größer als Ahl–i–Hadith ist die 1866 in Deoband, nördlich Dehlis gelegen, Deobandibewegung. Von ihrer theologischen Ausrichtung unterscheiden sich die puritanischen Deobandi kaum von Ahl–i–Hadith und anderen islamitischen Bewegungen. Abweichende islamische Gruppen wie Schiiten oder die Bewegung der Ahmadiyya werden strikt abgelehnt; sie praktizieren den Idschtihad und fordern von jedem Muslim den Dschihad, sowohl als inneren Dschihad, als innere Anstrengung, als auch als äußeren Dschihad als Kampf gegen Abweichler und Ungläubige.

Ihr ursprüngliches Ziel war es, den Muslimen ein islamgerechtes Leben als Minderheit unter fremder Herrschaft  zu ermöglichen und fremde Einflüsse vom Islam fernzuhalten oder diese auszumerzen. Um dies zu erreichen fokussierten sich die Deobandi auf zwei Elemente: Ausbildung und Rechtsgutachten. Zu diesem Zweck wurde in Deoband eine islamische Hochschule für Mullahs gegründet, die ihrerseits als Lehrer in sogenannte Medressen, islamischen Religionsschulen, tätig sind. So haben die Deobandi ein weitverzweigtes Netz an Religionsschulen nicht nur auf dem Subkontinent sondern auch in anderen Regionen, in die indische Muslime auswanderten wie Großbritannien oder Südafrika etabliert. Mit der Tablighi Jamaat (Urdu „Gemeinschaft der Verkündigung“) verfügen die Deobandi über volksnahes, weltweit agierendes Missionsnetzwerk, das sich insbesondere an wenig religiöse Muslime wendet und diese zu einem streng islamischen Leben führen will.

Fiqh, die Anwendung islamischen kanonischen Rechts, ist ein wichtiges Element ihrer Tätigkeit.  So wurden seit ihrer Gründung weit über hunderttausend Fatwas, islamische Rechtsgutachten, zu allen Belangen erlassen, um den Muslimen den richtigen Weg zu weisen.

Besonders stark ist die Deobandibewegung in Pakistan vertreten, wo sie knapp zwei Drittel der Religionsschulen kontrollieren.

Abu l-A la al-Maududi und die Jama’at at-i islami

Während die Deobandi ihre Erneuerungsbewegung auf eine breite Massenbasis stellen, ging Sayyid Abu l-A la al-Maududi (1903 – 1979), einer der wichtigsten Vordenker des Islamismus der Moderne, andere Wege. Um sein Ideal eines totalitären islamischen Staates durchzusetzen, setzte er nach dem Vorbild Lenins und der Bolschewiki auf eine avantgardistische Kaderpartei im Gegensatz zu den Massenbewegungen der Deobandi und der Muslimbrüder. Dazu gründete er 1941 die Jama’at at-i Islami (Urdu „Islamische Gemeinschaft“ JI). Die Gliederung der JI sollte die angestrebte, pyramidenförmige Staatsform vorwegnehmen, mit einem Ameer (Emir, Befehlshaber) an der Spitze dem ein Gremium von Ratgebern („Schura“) zur Seite steht. Weiter wurden innerhalb der Partei verschiedene Komitees für unterschiedliche Gruppen wie Juristen, Militärs oder Frauen gegründet. Entsprechend seiner Vision einer Islamisierung von oben rekrutierte Maududis JI von Anfang an Muslime der Mittel- und Oberschicht, während andere nur den Rang eines Sympathisanten erlangen können. Besonders bei den Sicherheitskräften Pakistans sind Anhänger der JI stark vertreten.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Islamisten hat Maududi mit dem „Republikanischen Kalifat“ ein relativ konkretes Modell eine islamischen Staates vorgestellt, der auf dem Koran, der Sunna, dem Vorbild der vier ersten Kalifen sowie den Vorschriften großer Rechtsgelehrter basieren sollte. Eine Gesetzgebung nach westlichem Vorbild ist nicht vorgesehen, da alles Recht von Gott ausgeht. „Demokratisch“ soll der Staat insoweit sein, als seinen muslimischen Bürgern ein Widerstandsrecht gegen einen unislamischen Herrscher zusteht. Mittel zum Aufbau des islamischen Staates ist der Dschihad, der von der Reinigung des Islam bis hin zum bewaffneten Kampf reicht.

Pakistan – Staat der Muslime oder islamischer Staat?

1947 kam es bei der Unabhängigkeit Indiens zur Teilung des Landes in einen mehrheitlich hinduistischen (Indien) und einen mehrheitlich muslimischen Teil (Pakistan). Paradoxerweise waren die islamistischen Gruppierungen strikte Gegner dieser Teilung. Die Muslim Liga Britisch Indiens und ihr Anführer Muhammad Ali Jinnah vertrat die Ansicht, die Hindus und Muslime Britisch Indiens seien nicht einfach zwei Religionsgemeinschaften sondern zwei unterschiedliche Nationen. Jinnah war Nationalist, kein Islamist; er strebte einen Staat für diese muslimische Nation an, keinen islamischen Staat. Nach seiner Vision sollte Pakistan ein laizistischer Staat sein. Maududi hatte eine ganz andere Vision eines einigen indischen, islamischen Staates, Nationalismus lehnt er als unislamische Ideologie strikt ab. Durch die Teilung wurde diese Vision einer vollständigen Islamisierung Indiens unmöglich. Dennoch übersiedelten er und die meisten seiner Anhänger nach der Staatsgründung nach Pakistan.

Pakistan unter dem Schatten der Islamisten

Der junge Staat Pakistan stand von Anfang vor schwerwiegenden Problemen. Sein Staatsgebiet war durch Indien geteilt – Bangladesch/Ostbengalen war bis 1971 als Ostpakistan Teil des Staates; seine Bewohner, die unterschiedlichen Stämmen und Völkerschaften angehörten, verband außer dem gemeinsamen Glauben nicht viel. Da der Islam die wichtigste, vielleicht einzige Klammer des neuen Staates war, konnten Islamisten von Anfang an Einfluss nehmen und diesen über die Jahre hinweg immer weiter ausbauen. Stück für Stück trieben islamistische Parteien, allen voran die JI, die Islamisierung voran und konnten erreichen, dass bis in die siebziger Jahre immer mehr islamische Vorschriften in Pakistans Rechtssystem aufgenommen wurden.

1970/71 führte die Sezessionsbewegung Ostpakistans das Land in eine schwere Krise. An der letztendlich erfolglosen Kampagne gegen die Sezession beteiligte sich die JI an der Seite der Zentralregierung und war mitverantwortlich für den Völkermord in Ostpakistan, der drei Millionen Opfer forderte.

Dennoch konnte die JI unter der nachfolgenden, krisengeschüttelten Linksregierung der Pakistanischen Volkspartei (Pakistan Peoples Party, PPP) unter Zulfikar Ali Bhutto mehr Anliegen durchsetzen als je zuvor, da Bhuto sein Regime so zu stabilisieren hoffte. Nach dem Putsch von 1977 und der Machtübernahme von General Mohammed Zia-Ul-Haq stieg Maududi zum inoffiziellen Chefideologen des Regimes auf. Zia-ul-Haq wollte Pakistan endgültig zum islamischen Staat umgestalten, indem er die Scharia inklusive der berüchtigten Körperstrafen („hudud“) als Rechtsgrundlage einführte, zahlreiche Parteigänger der JI stiegen in hohe staatliche Positionen auf. Die enge Zusammenarbeit mit dem Militärregime erwies sich jedoch als Nachteil, als dieses zunehmend unpopulärer wurde. Der Tod Zia-Ul-Haq beendete die Dominanz der JI.

Die Deobandi und ihre Partei, die Jamiat Ulema-e-Islam (Vereinigung islamischer Gelehrter“, JUI) hatte entsprechend ihrer breiten Basis einen anderen Weg als die elitäre Oberschichtpartei JI gewählt. Sie stand der Militärherrschaft Zia-Ul-Haqs kritisch gegenüber und schloss sich dabei auch mit linken und laizistischen Oppositionsgruppen zusammen. Sie vertrat ein deutlich linkeres Programm als die JI und setzte auf Antiamerikanismus und Antiimperialismus ohne von ihrem Eintreten für einen islamischen Staat abzulassen. Während der Kollaboration der JI mit dem Militärregime in den 1980er Jahren verstärkten die Deobandi den Ausbau ihrer Medressen und öffneten diese auch für Kinder mittelloser Eltern, unter ihnen viele Flüchtlinge aus dem umkämpften Afghanistan. Die Fortschreitende Islamisierung kam jedoch ebenso den Deobandi zu gute. Einerseits konnten sie immer mehr staatliche Mittel für ihre Schulen lukrieren, andererseits führte die Zunahme islamischer Normen in allen Bereichen zu einem verstärkten Bedarf an muslimischen Theologen – ein Bedarf, den die Abgänger der Deobandimedressen decken konnten. So durchdrangen auch die Deobandi auf ihre Weise immer mehr Staat und Wirtschaft.

Pakistan – ein islamistischer Staat?

Trotz aller Erfolge, die die Islamisten in Pakistan erringen konnten, erreichten sie nach 1988 nie wieder so viel Einfluss wie unter Zia-Ul-Haq. Auch bei Wahlen sind ihre Erfolge sehr wechselhaft, mehr als ein Viertel der Parlamentssitze konnten sie bisher nicht erreichen. Es ist eher ihre kurzfristige Mobilisierungskraft für spezielle Themen, im Fall der Deobandi und ihr Einfluss in wichtigen Bereichen wie Geheimdienst und Militär, im Fall der JI, der ihnen Macht und Einfluss garantiert. Dennoch wäre es übertrieben von einem islamistischen Staat wie Saudi Arabien zu sprechen. Die pakistanischen Regierungen schwanken stetig zwischen Kampf gegen Islamisten und deren Hofieren.

Über Zuwanderer konnten sowohl Deobandi als auch JI und Ahl-i-Hadith bis nach Europa, insbesondere Großbritannien ausdehnen, wie später bei der Behandlung der islamistischen Bewegungen in Europa zu behandeln sein wird.

Insbesondere der seit fast vierzig Jahren andauernde Krieg im benachbarten Afghanistan hat enorme Auswirkungen auf islamistische Bewegungen weltweit und muss deswegen gesondert in einer späteren Folge betrachtet werden.

Lesen Sie in der unzensuriert-Serie über die Geschichte des Islamismus dazu nächste Woche mehr über die Muslimbruderschaft!

Bisher veröffentlicht:

Die Ursprünge des Salafismus – Reform und Radikalisierung

Feuer und Schwert im Sudan - Der Aufstand des Mahdi

Geburt Saudi-Arabiens: Der Wahhabismus – Ein Pakt in der Wüste

Die Assassinen – Vorbild islamistischer Attentäter?

Die Charidschiten – Blaupause des militanten Islamismus

Islamismus - Die Herausforderung des Westens

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